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Neukölln - 650 Jahre - Chronik - 50 Jahre Neukölln


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„Im Schritt der Zeit” „50 Jahre Neukölln” eine Chronik der Entwicklung Rixdorfs zur Großstadt Neukölln.

Diese Schrift ist herausgegeben worden aus Anlaß des 50jährigen Stadtjubiläums am 1. April 1949.


Am 26. Juni begeht das ehemalige Rixdorf, heute Neukölln, ein bedeutendes Jubiläum: Vor 650 Jahren wurde der ort erstmals als „Richsrdsdorp” in einer Urkunde des Tempelhofer Johanniterordens erwähnt. Die Chronik von 1949 soll hier nur schon einmal eine Übersicht über die wechselhafte Geschichte des Bezirkes vermitteln. Die Broschüre des „arani-Verlages” von 1949 befindet sich im Besitz des Autors.


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Chronik - einer langen Geschichte

Im Anschluß finden Sie hier den Text (leicht gekürzt) der oben dargestellten Seiten der Chronik von 1949.


zwischen Barnim und Teltow

Am Nordostrande des Hohen Teltow, durch die breite Spreeniederung vom Barnim getrennt, liegen die Gemarkungen des alten Rixdorf, Britz, Buckow und Rudow. Seit über 6000 Jahren lebten hier Siedler, die den Boden bebauten. Zu Beginn unserer Zeitrechnung befand sich an der Stelle des späteren Rixdorf eine Niederlassung suebischer Semnonen, von denen man 1912 am Richardplatz Reste von Pfostenbauten fand. Die damaligen Bewohner trieben Ackerbau und nützten die fetten Wiesen der Spreeniederung für die Viehzucht. Nach der Eroberung des Gebietes durch König Heinrich I. (928/29) wurde das Bistum Brandenburg im Jahre 948 begründet und das Spreegebiet von der christlichen Lehre erfasst. Doch noch einmal kehrte das Heidentum zurück. Zu Beginn des 12. Jahrhunderts, unter der Herrschaft des Erzbischofs von Magdeburg, drang ein Strom von Siedlern aus West und Ost in das Spreegebiet und eroberte es endgültig für das Christentum. In friedlichem Zusammenwirken verschiedener Völkerschaften entstanden blühende Siedlungen.


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Johanniterritter

Im 13. Jahrhundert gründete der Orden der Tempelherren seine Niederlassung im Teltow und baute als Mittelpunkt derselben eine feste Burg und eine Kirche mit dem Namen Tempelhof. Der Ordensbesitz im Teltow umfasste die Gemarkungen von Tempelhof, Rixdorf, Mariendorf und Marienfelde. Als im 14. Jahrhundert der Orden als ketzerisch verfolgt und vom Papst Clemens V. verboten wurde, gelangte sein Gebiet 1318 in die Hände des Johanniterordens. Dort, wo tausend Jahre zuvor die Pfostenbauten der Semnonen gestanden hatten, wurde eine neue Siedlung mit dem Namen Richardsdorp gegründet. Eine vom 26. Juni 1360 datierte Gründungsurkunde besagt, dass die Johanniter auf Rat des Priesters Jacob von Deetz ihren Hof Richardsdorp in ein Dorf mit 25 Hufen umwandelten. Die Urkunde legt ferner eine Reihe von Abgabebestimmungen und das Recht der Bauern auf das ihnen zugemessene Land fest.
Das Dorf lag an der alten Straße von Cölln nach Köpenick und umfasste im ersten Jahrzehnt nach der Gründung etwa 14 Familien. Die besitzende Bürgerschaft der Doppelstadt Berlin-Cölln nahm starkes Interesse an der ländlichen Umgebung, die sie als sichere Kapitalanlage betrachtete. Der geldbedürftige Johanniterorden überließ schließlich durch den Vertrag von 1435 seinen gesamten Besitz im Teltow den Städten Berlin und Cölln als ewiges Lehen. Er entsandte lediglich noch einen Seelsorger, der an der alten Kirche am Richardplatz, die noch heute steht, amtierte. So gelangte Richardsdorp in Abhängigkeit von der Stadt, und man darf annehmen, daß die Bauern diese Veränderung nicht allzu freudig begrüßt haben. Der Ortsname erfuhr im Laufe der kommenden Jahrhunderte verschiedene Wandlungen, und erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die am häufigsten gebrauchte Bezeichnung "Rixdorf" amtlich festgelegt.


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Rixdorf während des 30 jährigen Krieges

Hundert Jahre lang war Rixdorf, wie viele andere Dörfer der Umgebung, gemeinsamer Besitz von Berlin und Cölln und als solcher ständiger Zankapfel der beiden Städte. Am 24. August 1543 ging Rixdorf durch Vertrag in den alleinigen Besitz der Stadt Cölln über. Die Dorfbewohner mussten als abhängige Untertanen die sich daraus ergebenden neuen Bestimmungen widerspruchslos hinnehmen. -
Als sich am 1. November 1539 der Kurfürst Joachim I. der Lehre Luthers anschloss, wurde diese Glaubensänderung bestimmend für das ganze Land. Um von Cölln nach Rixdorf zu gelangen, musste man den durch sumpfiges Gelände führenden und daher schwer passierbaren Rixdorfer (heute Kottbusser) Damm benutzen, an dem man an. einer Weggabelung (am heutigen Hermannplatz) ein Wirtshaus errichtete, das in den Chroniken des 18. Jahrhunderts als „Rollkrug” bezeichnet wird und sich als beliebtes Schanklokal bis in die jüngste Zeit seinen Namen erhalten hat. Hier konnten die Reisenden ihren beschwerlichen Weg unterbrechen und die Pferde wechseln.
Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges im zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts, die auch die Mark Brandenburg nicht verschonten, brachten für Rixdorf Hunger und Elend. Bei einem Einfall der Schweden im Jahre 1639 brannte die alte Dorfkirche am Richardplatz aus. Da die Außenmauern standgehalten hatten, konnte sie später wiederaufgebaut werden. Die Bewohner der unbeschützten Dörfer retteten sich bei Annäherung feindlicher Heerscharen mit ihrem Vieh und aller tragbaren Habe in den Schutz der befestigten Städte. Dort erwartete sie aber ein noch schlimmerer Feind: die Pest, die mehr Opfer forderte als der Krieg selbst. Nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges zählte Rixdorf nur noch acht Bauern- und Kossätenfamilien. Die überlebenden fanden Höfe und äcker verwüstet, doch sie gingen daran, in harter Arbeit ein neues Leben zu gewinnen, zumal ihre rechtliche und wirtschaftliche Lage jetzt außerordentlich günstig war.


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Rixdorf vor 100 Jahren

Der Grundherr Rixdorfs, der, Cöllner Magistrat, war neben der wirtschaftlichen auch um die kulturelle Förderung seiner Untertanen bemüht. Städtische Handwerker, deren Bildung nicht eben groß gewesen sein mag, gedachten durch Vermittlung der Lese- und Schreibekunst einen zusätzlichen Verdienst zu erlangen. Die eigentlich für den Schuldienst Bestimmten, Pfarrer und Küster, scheinen sich zur damaligen Zeit um die Ausbildung der Rixdorfer Jugend nicht sonderlich gekümmert zu haben. Daher wurde ein Schulmeister angestellt, den die Gemeinde 1688 aus einem nichtüberlieferten Grunde davonjagte. Der erste Schulmann, dessen Namen die Chroniken nennen, waltete zu Beginn des 18. Jahrhunderts seines Amtes. Er hieß kurz und schlicht: Bammel. Er führte bittere Klage darüber, daß nur 16 von 36 Rixdorfer Kindern die Schule besuchten, doch er mag daran nicht ganz schuldlos gewesen sein, denn eine Mutter gab an, daß sie ihren Sohn in Berlin das Schreiben lernen lasse, denn Herr Bammel lehre diese Kunst nicht. Erst um 1750 richtete die Gemeinde ein Schulhaus ein, und der Magistrat berief die Lehrer.
Die Rixdorfer Kirche, bis zum Jahre 1693 von Tempelhof aus verwaltet, wurde von diesem Jahr ab die Tochtergemeinde der Britzer Pfarrei, da der Pfarrer Johann Gutke seinen Wohnsitz von Tempelhof nach Britz verlegte. Von 1694 ab führte er wieder ein ordnungsgemäßes Kirchenbuch.


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Böhmen kommen nach Rixdorf

Durch die Vereinigung von Berlin und Cölln im Jahre 1709 wurde Rixdorf ein Kämmereidorf Berlins. Die Verfolgung der evangelischen Lehre in Böhmen und Mähren zwang viele ihrer Anhänger, ihr Heimatland zu verlassen und sie fanden in Dresden, Zittau, Meißen und anderen Orten eine neue Heimat. Ein Teil der glaubensverfolgten Böhmen machten sich unter Führung ihres Predigers Liberda auch auf den Weg nach Berlin, wo sie Ende November 1732, zerlumpt und ärmlich, ermattet und fast überwältigt von der beschwerlichen Wanderung ankamen. Zunächst abgewiesen, wurden sie schließlich doch dort untergebracht. König Friedrich Wilhelm I. erwarb das Rixdorfer Schulzengut, um einige böhmische Familien dort anzusiedeln. An der Straße von Berlin nach Köpenick entstand so eine neue Siedlung, die fortan den Namen Böhmisch-Rixdorf führte. Die Böhmen erhielten Vieh, Wirtschaftsgerät und Ackerland. Pfarrer Augustin Schultz vollzog am 25. November 1737 die erste böhmische Trauung in Rixdorf. Die Gemeinde wuchs schnell und führte ihr Verwaltungs- und Gerichtswesen selbständig und unabhängig von dem alten Dorf. Die Gottesdienste der Böhmen fanden anfangs in der Rixdorfer Kirche statt, später in „Kupkas Scheune” (vermutlich Richardstraße 1). Die Religionsstreitigkeiten zwischen Lutheranern und Reformierten führte zur Gründung der Brüdergemeinde, die 1756 anerkannt wurde. Die Böhmen konnten bereits 1754 in Rixdorf ein Unterrichts- und Erziehungshaus für ihre Kinder einrichten. Der König ließ 1764 neben der deutschen MohIe eine zweite für die Ansiedler errichten, die 1888 beide abgerissen wurden. Die Böhmen lebten in Rixdorf in völliger persönlicher und Religionsfreiheit und standen zunächst in bestem Einvernehmen mit den Einheimischen. Sie bewahrten ihre Muttersprache und den alten Gebräuchen die Treue. Erst spätere Generationen bedienten sich des Deutschen als Umgangssprache. Da sie die Vermischung mit den alten Einwohnern durch Heirat vermieden, fand man noch bis zu seiner Zerstörung im letzten Krieg im „Böhmischen Dorf” Spuren der vergangenen Zeit.


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Wappen der Britzkes

Als der Gutsherr von Britz, Ewald Friedrich von Hertzberg (1725-1795), der Geheime Kabinetts- und Staatsminister Friedrichs des Großen, um 1760 das Rixdorfer Schulzengericht erwarb, bemühte er sich um Besserung der dörflichen Verhältnisse und vor allem um die völlig verwahrlosten Straßen. Er versuchte durch eine Eingabe den Berliner Magistrat zur überholung der Wege, besonders der großen Straße, die über Cottbus nach Dresden führte (die heutige Hermannstraße), zu bewegen. Doch die Bauern standen diesen, wie allen Verbesserungen und Neuerungen, misstrauisch gegenüber und wandten sich ihrerseits unter Berufung auf ihre Armut an den Magistrat, das Vorhaben Hertzbergs zu hintertreiben, was ihnen zunächst auch gelang. So wurde erst 1827 mit der Pflasterung der Straßen begonnen.
Außer einigen Schreckenstagen im Oktober 1760, als plündernde Kosaken in den Ort eindrangen, spürte die Bevölkerung von Rixdorf nur wenig vom Siebenjährigen Krieg. So verlief das 18. Jahrhundert, von der Ansiedlung der böhmischen Flüchtlinge abgesehen, ziemlich ereignislos.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zählte Deutsch-Rixdorf 376, Böhmisch-Rixdorf 319 Einwohner. Das Jahr 1803 war ein Schreckensjahr für die Rixdorfer Bevölkerung. Am 20.Januar brach auf einem Anwesen ein Feuer aus, das vom Wind auf die Nachbargrundstücke übertragen wurde. Nur durch große Anstrengungen gelang es, den Brand von der Kirche fernzuhalten, doch der Funkenflug entzündete weitere Höfe, so daß 30 Familien obdachlos wurden. Der Schaden betrug etwa 28 000 Taler, der jedoch zum Teil durch Spenden des Königs, der Bevölkerung und die Auszahlung der Versicherungssumme wieder eingebracht wurde. An Stelle der alten Fachwerkhäuser traten massive, ziegelgedeckte Neubauten.
Als nach der Niederlage bei Jena und Auerstädt das französische Heer im Oktober 1806 anrückte, flohen die Rixdorfer zunächst nach Berlin. Da jedoch bei den Truppen gute Disziplin herrschte, bestanden die Leiden der Bevölkerung lediglich in Einquartierungen und Abgaben.


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erster Turnplatz

An einem Herbstabend des Jahres 1810 fand sich in einem Wäldchen vor dem Halleschen Tor ein Kreis von Männern zusammen, unter der Führung von Friedrich Friesen und Friedrich Ludwig Jahn, den „Deutschen Bund” zu gründen, der die staatliche und politische Einheit Deutschlands erstrebte. Friedrich Jahn (1778-1852), seit 1810 Lehrer am Berliner Köllnischen Gymnasium, war der erste, der den Begriff des „Volkstums” prägte. Unter dieser neuen Wortschöpfung verstand er „das Gemeinsame des Volkes, sein innewohnendes Wesen, sein Regen und Leben, seine Wiedererzeugungskraft, seine Fortpflanzungsfähigkeit”. Wie er in seinem Buch „Deutsches Volkstum” (1810) schrieb, sah er in der Pflege der Leibesübung ein wichtiges Mittel der Volksbildung. Gemeinsam mit dem Mitbegründer der Deutschen Burschenschaft Karl Friedrich Friesen (1784-1814) errichtete er im Juni 1811 in der Rixdorfer Hasenheide den ersten Turnplatz, von dem das deutsche Turnwesen seinen Ausgang nahm. Die von der Erde erreichbaren äste einer alten Eiche am Karlsgarten dienten ihm und seinen Schülern als erstes „Turngerät”. Sehr bald schuf er Kletter- und Schwebebäume, Springgräben, Springpfähle und stellte Barren und Reckgeräte auf. Den von ihm erfundenen übungen gab er den Namen Turnen, ersinnt eine lindene Kleidung und schafft die Turnsprache, die die Gemeinschaft der „Dazugehörigen” miteinander verbindet. Die Turner trafen sich in Nachmittag- und Abendstunden; im Sommer 1811 zählte man bereits 200 Teilnehmer, ein Jahr darauf waren es schon 500, zu deren übungen sich auch tausende Berliner Zuschauer einfanden. An Jahns Tätigkeit erinnert ein 1872 errichtetes Denkmal (neuaufgestellt 1936), an seinen eifrigsten Gehilfen Friesen der „Friesen-Hügel”.
Als der Sommer 1813 das Ende der napoleonischen Herrschaft brachte, ergaben sich für die Landbevölkerung große Erleichterungen. Der Landhunger der Städter ließ Rixdorfs Bevölkerungsziffer stark anwachsen. 1830 wurde es als das größte Dorf bei Berlin bezeichnet.



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der Galgen

Deutsch-Rixdorf war inzwischen mit seinen 4000 Einwohnern im Jahre 1866 zu einem ansehnlichen Gemeinwesen gewachsen, aber noch gab es keine ständige Verkehrseinrichtung, die das Dorf mit der Außenwelt verband. Nur ein Landbriefträger versorgte die Bewohner von Berlin her mit Post. Am 1. Oktober 1867 erhielt Rixdorf eine eigene Postexpedition. Für den Personenverkehr stand vorerst nur eine Postkutsche zur Verfügung, die von Berlin über Rixdorf nach Wendisch-Buchholz fuhr. Einen wesentlichen Fortschritt bedeutete es, als ein Berliner Klempner aus privater Initiative einen regelmäßigen Omnibusverkehr Berlin-Rixdorf einrichtete. Der Rixdorfer Karl Friedrich Berta übernahm nach kurzer Zeit dieses Unternehmen. Die Omnibuslinie begann am Alten Sandkrug in der Bergstraße und endete am Halleschen Tor. 1868 begann man mit der Anlage der Eisenbahnstrecke, des sogenannten „Verbinders” (Südring), die 1870 vollendet wurde. Rixdorf erhielt dadurch einen Bahnhof und eine direkte Verbindung zum Potsdamer und Schlesischen Bahnhof. Der Bahnhof wurde zu einem unangenehmen Hindernis für den Verkehr auf der Bergstraße, der seitdem umgeleitet werden musste. Für die Fußgänger wurde eine ungeschickt hohe Holzbrücke als übergang errichtet, die der Mutterwitz der Rixdorfer den „Galgen” getauft hatte. Erst durch den Umbau der Bahnhofsanlage im Jahre 1895 wurde dieses hässliche Verkehrshindernis beseitigt. Die Bauern hatten wenig Freude an der Anlage der Dampfbahn, da der Schienenstrang ihre äcker durchschnitt, und nur die Erhöhung der Bodenpreise konnte sie mit der Neuerung aussöhnen.
Der Berliner Magistrat, dessen Interesse an dem dörflichen Besitz durch die stetige Verringerung der Einnahmen immer geringer wurde, schied als Obrigkeit aus dem öffentlichen Leben Deutsch-Rixdorfs aus, ebenso das Amt Mühlenhof aus dem des Böhmischen. An die Stelle des Schulzen trat nunmehr der Gemeindevorsteher. Entscheidenden Einfluss auf alle Gemeindeangelegenheiten erhielt der Landrat des Kreises Teltow, damals Prinz Handjery. Die bisherigen Gemeindeversammlungen wurden durch die Gemeindevertretungen ersetzt, durch die die Neusiedler neben den Altansässigen starken Einfluss auf die Belange des Ortes bekamen. Sie bewirkten die Vereinigung des deutschen und böhmischen Teils, die durch königlichen Erlass am 11. Juli 1873 ausgesprochen wurde.
Zur Zeit der Vereinigung Deutsch- und Böhmisch-Rixdorfs trug die Umgebung des Ortes noch überwiegend ländlichen Charakter, während das Dorf selbst städtisches Aussehen angenommen hatte. Von den rund 10 000 Einwohnern lebte kaum der zehnte Teil noch von der Landwirtschaft. Fast alle gehörten dem Arbeiterstande an. Am Kottbusser Damm waren inzwischen vereinzelte Fabriken entstanden.

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Berlin von den Rollberge aus

Das Gelände der Rollberge, einer aus der Eiszeit stammenden Erhebung, die mit ihren einstmals 13 Windmühlen das Landschaftsbild bestimmten, barg starke Schichten von Lehm, Kies und weißen Sand, die jahrelang einen Teil von Berlins Baubedarf deckten. Neben diesen Schätzen brachte der Abbaubetrieb wertvolle vorgeschichtliche Funde ans Licht. Weitere aufschlussreiche Ausgrabungen machte man übrigens auch im Jahre 1912 bei Kanalisationsarbeiten an der Biegung der Selke- in die Jonasstraße. Hier entdeckte man 21/2 Meter unter der Oberfläche des einstigen Windmühlenberges das Grab eines Heerführers mit seinem Pferd aus der späteren Völkerwanderungszeit (6. Jahrhundert n. Chr.), dessen Schwert fast vollständig erhalten war, ebenso ein Gefäß aus gut geschlämmtem Ton mit tiefschwarzer Oberfläche, das an die Mäandergefäße erinnert. Durch die Ausbeutung des Bodens wurden in der Folgezeit die Rollberge allmählich abgetragen. Das größte Unternehmen dieser Art war das von Körner an der Bergstraße, der dem späteren Körnerpark seinen Namen gab. Auf dem eingeebneten Gelände entstanden Mietskasernen.
Der Richardplatz mit seiner Dorfkirche und der alten Schmiede bewahrte unter seinen schattigen Baumkronen noch ein Stück echt dörflicher Romantik. In den kleinen Vorgärten und vor den Fenstern der Häuser blühten und dufteten im Sommer die Rosen in verschwenderischer Pracht und Farbenfülle. Vor der Jagdkneipe saßen an den Abenden die Bürger, trinkend und debattierend und ungestört von dem lebhaften Treiben des Häusermeeres, das diese stille Oase umschloss. Kein Geringerer als Theodor Fontane, der märkische Dichter (1819-1898), schildert in seinem Buch „Spreeland” einen Pfingstsamstag in Rixdorf: „Rixdorf rüstet sich zum Fest. Die Mägde, kurzärmelig und aufgeschürzt, standen auf den Höfen, wuschen und scheuerten, die kupfernen Kessel blinkten wie Gold, und ein paar Kinder, die grad' aus dem Tümpelbad kamen, liefen nackt über den Weg und wirbelten den Staub auf. Der Tümpel blieb ja für ein zweites Bad. In Rudow schnitten die Jungen Kalmus; über Waltersdorf spannten die Linden ihren Schirm; Kiekebusch aber, als schäme er sich seines Namens, guckte nicht mehr aus Busch und Heide, sondern aus hohen Roggenfeldern hervor.”

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Pferdestrassenbahn

Die Verwaltung des durch die Vereinigung neu entstandenen Ortes übernahm der als Gemeinde- und Amtsvorsteher zugleich fungierende Hermann Boddin. Am 16. Mai 1844 in Gransee geboren, war er dank seiner außerordentlichen Befähigung schnell zum Rentmeister des Amtes Mühlenhof und dann zum Hofkammersekretär avanciert. Ihm verdankt Rixdorf den schnellen Aufstieg zur Großstadt.
Das sprunghafte Steigen der Einwohnerzahl, die 1899 die 80 000 überschritt, ließ die Anzahl der bebauten Straßen auf rund 80 anwachsen. Für das Gelände zwischen Berg- und Hermannstraße wurde die Aufstellung eines Bauplanes notwendig. über das Gelände des Landblocks zog man jetzt ein regelmäßiges Straßennetz: Kopf-, Steinmetz-, Prinz-Handjery-, Zieten-, Jäger,- Knesebeck-, Delbrück-, Glasower, Julius-, Wanzlik- und Schinkestraße. 1898 gab es in Rixdorf bereits je acht Knaben- und Mädchenschulen. 1893 wurde ein Gemeindekrankenhaus in der Kanner Straße in Betrieb genommen, 1896 ein Armenhaus am Mariendorfer Weg. Rixdorfs Ausweitung bedingte es, den Ort an das Netz der Berliner Pferdeeisenbahn anzuschließen, die am 2. Juli 1875 den Betrieb aufnahm. Am 1. Februar 1899 wurde der Bahnhof Hermannstraße als Station der Ringbahn eröffnet, der bald darauf auch Ausgangspunkt der Kleinbahn nach Mittenwalde wurde. Die schnelle Umstellung der Bevölkerung vom Ackerbau auf industrielle und handwerkliche Unternehmen kam in der vielbeachteten „Rixdorfer Gewerbe- und Industrieausstellung” von 1878 zum Ausdruck.
Die tanzfreudigen Berliner wußten „Rixdorfer Musike” und Rixdorfer Wirtshäuser außerordentlich zu schätzen:

„Auf den Sonntag freu ick mir.

Ja, denn jeht et raus zu ihr,

feste mit verjnügtem Sinn,

Pferdebus nach Rixdorf hin,

dort erwartet Rieke mir,

ohne Rieke kein Pläsier...”

So pfiffen es die Gassenjungen in ganz Berlin und so taten es die Berliner und Rixdorfer. An jedem schönen Sonntag strömten Tausende in die Hasenheide, die Ende des 17. Jahrhunderts ihren Namen nach dem Hasengehege erhielt, das der Oberjägermeister von Lüderitz als Besitzer des Lehnschulzengutes angelegt hatte. Im Jahre 1801 hatte das sogenannte „Etablissement Hasenheide nebst Weinbergen” 53 Feuerstellen und 392 Einwohner. Später legte man dort Schießstände an, und in der Folgezeit entstanden eine Reihe größerer Gastwirtschaften und Ausschankgärten, die die Hasenheide zum sonntäglichen Haupttummelplatz der Berliner machten.

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Rathaus

Durch die ständige Erhöhung der Lebenshaltungskosten innerhalb Berlins wanderte ein großer Teil der minderbemittelten, wenig steuerkräftigen Volkskreise in die Vororte ab, die damit starken finanziellen Belastungen ausgesetzt waren. Die durch die Zuwanderung notwendigen Schulen, der Straßenbau, die Sozialhilfe usw. erforderten weit größere Summen, als die Steuerzahler einbrachten. Aus dieser Notlage schien es nur einen Ausweg zu geben: die Eingemeindung in Berlin und der dadurch mögliche Ausgleich der Lasten. Berlin jedoch gedachte zunächst nur Teile der Orte in seinen Verband einzubeziehen, wogegen sich die von solcher Verstümmlung bedrohten Ortschaften zur Wehr zu setzen suchten. So blieb für die größten Gemeinden am Stadtrande Berlins nur die Möglichkeit, ein selbständiges Stadtrecht anzustreben. Rixdorf erreichte dieses Ziel, nach Zustimmung des Brandenburgischen Provinziallandtags am 1. April 1899, als zweite der Vorortgemeinden nach Schöneberg und schied als selbständiger Stadtkreis aus dem Verbande des Kreises Teltow aus. Der Kreis Teltow beanspruchte dafür von Rixdorf die Abfindung von einer Million Mark Traditionsgemäß erhielt die neue Stadt ein Wappen, das am 29. Mai 1903 von Wilhelm II. genehmigt wurde. Es war ein dreifach geteilter Schild mit dem Hussitenkelch in Weiß auf Schwarz, der an die 1737 eingewanderten Böhmen erinnert, dem roten Adler auf weißem Felde und dem Kreuz des Johanniterordens auf, rotem Grunde. Der rote Adler weist auf die Zugehörigkeit der Stadt zur Provinz Brandenburg hin; er war gleichzeitig das Wappensymbol der alten Stadt Cölln an der Spree. Unter der Leitung des Stadtbaurates Kiehl begann man 1905 mit dem Bau eines repräsentativen Rathauses in der Berliner Straße, dessen feierliche Einweihung am 3. Dezember 1908 stattfand. Nach 33jähriger Tätigkeit starb Hermann Boddin am 23. Juli 1907.
Als mit dem Gesetz vom 27. April 1920 aus dem Zusammenschluss von acht Stadtgemeinden, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken die Einheitsgemeinde Berlin auf 88 000 ha mit 4 Millionen Einwohnern entstand, wurde Neukölln mit den Gemeinden Britz, Rudow und Buckow der 14. der 20 neuen Verwaltungsbezirke. Am 14. Dezember 1921 erfolgte die erste Wahl des Bezirksamtes. Es wurden 45 Abgeordnete gewählt, 14 im Bezirk gewählte oder ihm zugeteilte Stadtverordnete kamen hinzu. Von diesen 59 Abgeordneten gehörten 29 der USPD, 13 der SPD, 6 der Deutschen Volkspartei an. 12 Abgeordnete der USPD traten später zur Vereinigten Kommunistischen Partei über. Als nach einem Jahr, im Oktober 1921, neu gewählt wurde, setzte sich die Bezirksversammlung aus 17 Mitgliedern der SPD (bis 1932 die stärkste Partei), 14 der USPD, 9 der KPD, 7 der Deutschnationalen Volkspartei und 7 der Deutschen Volkspartei zusammen.

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Hufeisensiedlung Britz

Als ein weithin sichtbares Beispiel einer neuen fortschrittlichen Baugesinnung und sozialer Wohnkultur entstand in den Jahren 1925-1930 nach den Plänen von Martin Wagner und Bruno Taut auf dem Gelände des Rittergutes Britz eine Großsiedlung mit 1900 Wohnungen, die sogenannte Hufeisensiedlung , deren Bauherr die als gemeinnützige Gesellschaft von den freien Gewerkschaften gegründete Gehag war.
An der Ostseite des Tempelhofer Feldes entstand 1925 ein großartiger Sportpark mit Kampfbahn, Erholungs- und Restaurationsgärten. Der Britzer Gutspark wurde 1930 der öffentlichkeit zugänglich gemacht, der Platz am Buschkrug ausgestaltet und 1931 ein Freibad an der Grenzallee errichtet. Die vorbildlichen Grünanlagen waren der Initiative des Stadtrats Karl Schneider zu danken. Auf dem Gebiete des. Schulwesens hatte der sozialdemokratische Schulpolitiker Stadtrat Dr. Kurt Löwenstein Vorbildliches geleistet. Im fortschrittlichen Geiste, den Forderungen der Zeit entsprechend, arbeiteten besonders die Karl-Marx-Schule (früheres Kaiser-Friedrich-Gymnasium), die Käthe-Kollwitz-Schule und einige konfessionslose Volksschulen. Dr. Kurt Löwenstein - allen reaktionären und konservativen Kräften ein Dorn im Auge - richtete Abiturientenkurse für Arbeiter ein, die die Absolventen oft zum Hochschulstudium führten, und war auch der Begründer der Reichsarbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde, deren Gruppenleben. und Zeltlager zu einem bedeutsamen Selbsterziehungsfaktor wurden.

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das Neuköllner Rathaus 1949

Neukölln erlitt durch die Bombardierungen, im Vergleich zu anderen Bezirken, relativ geringen Schaden, obwohl auch hier 7 Prozent der Wohnbauten ganz, 28 Prozent zum Teil vernichtet wurden. 58 Prozent wurden leicht beschädigt.
Am 25. April 1945, gegen 17.30 Uhr, wurde Neukölln von den Truppen der Roten Armee besetzt. Eine Gruppe rückte über die Treptower Brücke vor, eine zweite, von Rudow kommend, über den Teltowkanal. Um das Rathaus entwickelten sich Kämpfe. Die SS sprengte in den letzten Tagen ihrer Herrschaft acht Brücken des Teltowkanals, das Warenhaus Karstadt am Hermannplatz und zerstörte die Wasserzuleitungen, die Stromkabel und Kanalisationsrohre.
Die erste Bezirksverwaltung sah sich einem scheinbar unentwirrbaren Chaos gegenüber. Mit freiwilligen Kräften aus der Bevölkerung ging sie mutig an die Arbeit. Nach der militärischen Besetzung übernahm zunächst Stadtamtmann Martin Ohm (geboren 1895) die Leitung der Verwaltung. Neukölln war der erste Berliner Bezirk, in dem die Gas-, Strom- und Wasserversorgung wieder funktionierte, und schon am 4. Juni 1945 wurde ein geregelter Schulunterricht wiederaufgenommen. Am 13. Juni 1945 verließ die russische Besatzung Neukölln und übergab den Bezirk der amerikanischen Militärregierung.

(nach "Im Schritt der Zeit - 50 Jahre Neukölln" arani-Verlag April 1949)


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